Eine App hilft bei der Bewegungstherapie von Kindern

Fabienne Erben
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Interview mit Fabienne Erben, UX-Design-Studentin Hochschule München

Gamification erfreut sich schon länger großer Beliebtheit im Rehabilitationssektor. Dabei ist das Design der motivationsfördernden Spiele gar nicht so leicht. Fabienne Erben, Studentin an der Hochschule München hat sich dennoch an eine schwierige Zielgruppe gewagt: Kinder. Im Zuge des Projekts "Kostengünstige aktive Orthese zur Rehabilitation und Analytik von kindlichen Bewegungsstörungen" (KORA) entwickelte sie eine Gaming-App, die Kindern helfen soll, ihr Bewegungsverhalten spielerisch zu verbessern.

Im Gespräch mit MEDICA.de verriet sie, worum es im Projekt geht, worauf es beim Design einer solchen App ankommt und welches Potential sie in der Digitalisierung von medizinischen Hilfsmitteln allgemein sieht.

Frau Erben, Ihre App ist ein Teilaspekt im Projekt KORA. Können Sie kurz zusammenfassen, worum es im Projekt geht und wie genau die App ein Teil davon ist?

Fabienne Erben: KORA ist ein Forschungsprojekt der Hochschule München, initiiert von Prof. Dr. Ulrich Wagner. Entwickelt wird eine kostengünstige aktive Orthese für die Rehabilitation und Analytik von Bewegungsstörungen bei Kindern. Zusammen mit der KORA-App wollen wir Kindern und ihren Bezugspersonen ermöglichen, spielerisch ihr Bewegungsverhalten zu trainieren.

Sie sind UX-Designerin – was war Ihre eigene Motivation, eine App für die Benutzung durch Kinder bzw. das Gangtraining von Kindern zu entwickeln?

Erben: Design ist mehr, als nur schön zu gestalten. Design hat die Fähigkeit, uns in vielen Situationen das Leben zu erleichtern, indem es komplexe Probleme löst. Als Designerin findet man sich oft in einer Vermittlerrolle zwischen verschiedenen Gruppen und versucht, für alle Parteien eine geeignete und zielführende Lösung zu finden. In dem KORA-Forschungsprojekt habe ich meine Chance gesehen, betroffene Kinder und ihre Bezugspersonen bei der Therapie zu unterstützen.

Inwiefern können Eltern oder Physiotherapeutinnen und -therapeuten Fortschritte erkennen bzw. kontrollieren?

Erben: Bewegungsstörungen treten in der Regel nicht über Nacht auf. Es handelt sich um einen schleichenden Prozess, von dem man nicht erwarten kann, dass er von den Eltern sofort bemerkt wird. Darüber hinaus ist es völlig normal, dass sich Kinder innerhalb eines bestimmten Rahmens unterschiedlich schnell entwickeln. Genau aus diesem Grund gibt es Fachleute wie Physiotherapeutinnen und -therapeuten, die die Entwicklung des Kindes über Monate oder sogar Jahre hinweg begleiten. Hier wollen wir einen Zusatznutzen in Therapie und Diagnose schaffen, indem die Orthese das Bewegungsverhalten erfasst und die Daten für Eltern, Ärztinnen und Ärzte sowie Physiotherapeutinnen und -therapeuten visuell aufbereitet. So kann man in kürzester Zeit genau sehen, wie das Kind mit dem Fuß aufgetreten ist oder wie viele richtige Bewegungen es im Vergleich zum Vortag gemacht hat.

Es gibt sechs Spiele für Kinder zwischen drei und sechs Jahren. In diesem Alter machen Kinder große Entwicklungsschritte. Wie haben Sie es geschafft, dass die Spiele die Kinder in jedem Alter ansprechen und motivieren?

Erben: Zunächst einmal muss man natürlich sagen, dass jedes Kind anders ist. Auch wenn wir jedem Kind ein Spiel anbieten möchten, das Spaß macht und gleichzeitig den besten therapeutischen Effekt hat, ist dies nicht immer möglich. Die Entwicklung und das Testen der ersten sechs Spiele ermöglicht uns eine erste Annäherung an dieses Problem.

Die Spiele wurden in unterschiedlicher Reihenfolge an vier Kindern zwischen drei bis sechs Jahren getestet. Bei Kindern ist es wichtig, ihnen vorab die Chance zu geben, dich erst einmal kennen zu lernen. Natürlich unter Aufsicht und der Erlaubnis der Erziehungsberechtigten. Nicht jedes Kind wird sofort mit einer unvertrauten Person warm und ist bereit, mit einem zu spielen. Kommt dann noch zusätzlich eine ungewohnte Umgebung dazu, sind so viele neue Reize da, dass sich Kinder schwer tun, sich auf die Spiele zu konzentrieren. Daher habe ich die Spiele mit den Kindern in ihrem Zuhause getestet und vor dem gesamten Testing Zeit mit ihnen verbracht, damit sie mich kennen lernen können und ich sie. Hier kann man auch schon gut die verschiedenen Persönlichkeiten eines Kindes kennen lernen. Dann erkennt man beim Spielen oft in wenigen Sekunden an der Körpersprache, ob ihnen ein Spiel Spaß macht oder nicht.

Welche Möglichkeiten und Chancen sehen Sie für diese Art der Bewegungstherapie in den kommenden Jahren?

Erben: Meine Hoffnung ist, dass das Potenzial dieser Art von Begleittherapie erkannt wird. Es geht nicht in erster Linie darum, eine traditionelle Therapie zu ersetzen, sondern den Kindern und Eltern die Möglichkeit zu geben, die Therapie außerhalb einer Praxis auf einfache und spielerische Weise fortzusetzen. Die Digitalisierung der medizinischen Hilfsmittel im Alltag und ihr Potenzial sind noch lange nicht ausgeschöpft!

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